Epidemie in Hammerstein – 1930

Epidemie in Hammerstein – 40 Kinder der Rußlandbauern gestorben / Die Mennoniten versuchen ihre Kinder gesund zu beten [1]Saar- und Blieszeitung, Freitag, 03. Januar 1930

Berlin, 2. Jan. [1930] Einer Mitteilung des Reichskommissars für die Unterbringung der deutschrussischen Flüchtlinge zufolge ist im Flüchtlingslager von Hammerstein unter den Kindern eine Masern-Epidemie ausgebrochen, die bisher 20 Todesopfer gefordert hat. Seitens des Reichskommissars sind alle erforderlichen Maßnahmen getroffen worden; auch wurde über das Lager die Quarantäne verhängt.

Wir erfahren dazu weiter: Die Epidemie unter den Kindern der deutsch-russischen Flüchtlinge im Lager Hammerstein hat sich, wie der Reichskommissar für die Deutsch-Russen-Hilfe mitteilt, weiter ausgebreitet. Es handelt sich nicht um reine Masernerkrankungen, sondern um eine eigenartige Fieberkrankheit, die in den meisten Fällen in wenigen Stunden zum Tode führt. Man kennt bisher kein Mittel zur Bekämpfung der Krankheit, wodurch die verhältnismäßig hohe Zahl der Todesfälle zu erklären ist. Der Reichskommissar hat sofort weitere Lazarettbaracken in Hammerstein aufstellen lassen und eine Anzahl weiterer Aerzte hinzugezogen. Bisher sind über 40 Kinder der Seuche erlegen, 50 Kinder liegen noch krank darnieder. Daneben waren mehrere hundert Kinder an Masern erkrankt, jedoch größtenteils bereits wieder gesundet. Das Lager wird streng bewacht. Das Betreten des Lagers ist verboten, ebenso dürfen sich die Flüchtlinge in den einzelnen Baracken nicht gegenseitig besuchen, damit die Krankheit nicht verschleppt wird. In Hammerstein sind z. Zt. 3200 Personen untergebracht. Die Flüchtlinge erkennen an, daß von deutscher Seite alles für sie getan wird, was irgend für sie getan werden kann. Es ist jedoch in einer Anzahl Fällen vorgekommen, daß die Mütter erkrankte Kinder versteckt haben, weil sie sich nicht von ihnen trennen wollten. Die sehr religiösen Mennoniten versuchen, den Gewohnheiten ihrer früheren Heimat gemäß die Kinder gesund zu beten. Bei Untersuchungen des Lagers nach erkrankten Kindern wurden von den Müttern diese Kinder den untersuchenden Aerzten mit aller erdenklichen List entzogen. Es mußten daher sämtliche Barackenausgänge bewacht und dann eine energische Untersuchung der Baracken vorgenommen werden. Sämtliche erkrankten Kinder sind in Einzelräumen isoliert worden.

Im Flüchtlingslager Prenzlau ist eine Anzahl von Kindern an Masern erkrankt. Es stehen Aerzte und mehrere Krankenschwestern ausschließlich für diese Kinder zur Verfügung. Ein Übergreifen der Krankheit auf die Bevölkerung ist durch die getroffenen Vorsichtsmaßnahmen in keinem Falle zu befürchten. Der Gesundheitszustand der Kinder im Lager Mölln ist gut.

Quellen

Quellen
1 Saar- und Blieszeitung, Freitag, 03. Januar 1930
Gast Autor

Jörg Peter Dück

jpdueck@web.de aus Enkenbach