Berichte von Jakob Heinrich Neumann in der Mennonitische Rundschau

Jakob Heinrich Neumann (GM#465103) veröffentlichte einige Berichte in der Mennonitische Rundschau. Hier ist eine Abschrift eines Textes vom 26.März 1899. Unten befindet sich das eingescannte Original (Mit freundlicher Genehmigung des Mennonite Heritage Archives Mennonite Heritage Archives).

MR vom 26.März 1899 von Jakob Heinrich Neumann:

Weil das Papier noch nicht ganz voll ist, so will ich noch eine kleine Beifügung machen. Weil wir einen ganz besonderen Winter haben, so muss ich noch etwas vom Wetter berichten. Es ist oft morgens zwei Grad und mittags 10 Grad Wärme. Die Tulpen sind aufgegangen, Die Bäume kommen in Saft. Wenn noch starker Frost sollte kommen, würde es den Obstbäumen schädlich sein. Mir wurde erzählt , dass in der Krim, die Kirschbäume in voller Blüte stehen. Wenn der Wind zwei Tage aus dem Norden kommt, dann gibt es bis drei Grad Frost; dreht sich der Wind nach Süden, dann gibt es Regen und Kot, dass bissweilen das Fahren unmöglich ist. Das Vieh wird fast alle Tage ausgetrieben. Im Dezember hatten wir einen Tag Schnee, dass an Schlitten fahren konnte. Eine gute Schlittenbahn zu bekommen, hofft man jetzt nicht mehr. Der Wirtschaftshandel geht immer noch vorwärts, dass man die Leute beinahe nicht alle kennenlernt. Auf eine Kleinwirtschaft handelt jetzt schon der vierte Käufer in einem Monat. So dreht es sich in der Mühevollen Welt immer weiter: kaufen und verkaufe;, geboren werden, heiraten und sterben. – Ich will nun noch ein kleines Familienverhältnis folgen lassen.

Meine Frau war eine geborene Katharina Loewen, Tochter des Isaak Loewen von Tiege stammend. Im Herbst 1897 wurde sie sehr krank, so dass alle Ärzte sie aufgaben. Der Doktor sagte zu mir: “Gib ihr zu Essen, was sie noch will,” und sie sollte sich zum sterben bereit machen. Doch Gott hat mein und meiner Kinder Gebet erhört und hat sie wieder lassen gesund werden, welches den drei Ärzten auffiel. So feierten wir am 10.Mai 1898 dem Herrn ein Dankfest für die 25 Jahre, die wir in der Ehe verlebt hatten. Seit Herbst 1897 war sie von der Welt abgesondert in der Stube bei ihrer Arbeit gesessen; mir zum gefallen fuhr sie auch mit, Freunde zu besuchen, aber es war ihr keine Freude mehr in der Welt und sagte oft, warum sie nicht im vergangenen Herbst sterben konnte. Ausgangs November 1898 wurde sie wieder krank; den 1. Dezember war die Krankheit sehr angreifend. Ihre Krankheit war Lungenentzündung und Atembeschwerden. Wenn drei Personen sie zu besuchen kamen, schien es als ob sie ersticken müsste. Mit Singen und Beten flehte sie zu Gott um Vergebung ihrer Sünde. Am 2. Dezember war sie wieder etwas besser und, weil am 3. unsere Tochter Elisabeth Hochzeit mit ihrem Bräutigam, Peter Bärg, hatte, so ordnete der Arzt an, die Frau in ein Nachbarhaus zu bringen, und so wurde sie zu Günthers gebracht. Es war für mich und meine Frau recht schwer, dass wir nicht bei der Hochzeit sein konnten. wenn Freunde kamen und frugen: wo ist deine Frau? so musste ich die schwere Antwort geben: sie liegt schwer krank beim Nachbar. Sie hatte von Gott erbeten, dass er ihr möge kraft schenken, damit, wenn die Freunde sie besuchen wollten, dass sie es ertragen könne. Und die Gnade wurde ihr auch geschenkt. Ältester Koop von Alexanderkron, welcher die Trauung an unseren Kindern vollzog, besuchte sie nach dem Hochzeitsmahle und betete mit ihr. Etliche Tage war sie wieder besser. Dann wurde sie eines Tages wieder krank und wir schickten nach dem Arzt, der sagte, es habe sich noch eine Herzkrankheit eingefunden. Nachdem sie Medizin eingenommen, wurde sie gleich wieder etwas besser. Sie betete: “Oh Gott stehe mir bei, wenn es zu sterben gehen und der böse Feind sich noch herannahen sollte, dass derselbe mich nicht in Verzweiflung bringen möchte.” Gott möge dann ihr Vertreter sein, wenn sie zu schwach sein sollten, so möchte er ihr auch die Schmerzen tragen helfen. Doch hatte sie Hoffnung, dass der Herr ihr nicht mehr auferlegen würde, als sie zu tragen im Stande sei. Und wunderbar, nachdem sie die Medizin genommen hatte, schwanden alle Schmerzen. So lag sie vielleicht noch fünf Tage ohne viel Schmerzen. Sie sagte öfters, sie sei zu schwach, sonst könnte sie aufstehen.

Da ich jetzt bereits das dritte Jahr als Dorfältester diene, und von unserem Dorf 4000 bis 5000 Rubelabgaben eingefordert wurden, so revidierten die Revisoren die Geldlisten bei mir. Den 22. Dezember, um 7 Uhr abends, als ich mit den Revisoren das Abendbrot aß, kam meine Frau aus der großen Stube in die Eckstube und wünschte uns gesegnete Mahlzeit und bat die Revisoren, sie möchten doch mit dem Essen zufrieden sein, worauf die Revisoren erwiderten, darüber solle sie sich keine Gedanken machen, es sei alles sehr gut. Auch sagte sie, dass ihr beim liegen die Beine so absterben, darum müsse sie sich ein wenig Bewegung machen. Wir freuten uns allesamt und hatten Hoffnung auf Besserung. Als wir das Abendbrot gegessen hatten, gingen wir wieder froh aus Rechnen. Ich sagte der Tochter, sie solle die Mutter nicht zu lange aufsitzen lassen und ihr wieder ins Bett helfen, was sie auch gleich getan hatte. Die Frau hatte sich, wie gewöhnlich, wo sie am sanftesten schlief, hingelegt. Um 11 Uhr abends kommt die Tochter in die Amtsstube und sagt: ” Mir scheints als wenn Mütterchen stürbe.” Wir gingen schnell zu ihr, und sie war – Tot. Sie war sanft eingeschlafen und hatte keine Hand und Fuß gerührt. Wunderbar wie Gott ihre Gebete erhört hat, denn sie hatte oft gebetet, dass Gott sie ohne Schmerzen einschlafen lasse. Auch ohne dass der Versucher an sie herangetreten ist, hat er sie sanft einschlafen lassen und hat ihre Seele hinübergenommen in sein reich. Nun feierte sie Weihnachten im oberen Kanaan. Sie starb also den 22. Dezember, und den 26. Dezember wurde sie dem Schoße der Erde übergeben. Mein Haus war beinahe überfüllt mit Freunden und Bekannten. Sie erreichte ein Alter von 49 Jahren und 3 Monaten. Drei Kinder sind ihr in die Ewigkeit vorangegangen und sieben leben noch, von welchen zwei verheiratet sind und die anderen fünf sind noch zuhause.

Lieber Leser, wie müsste es stehen, wenn wir uns sanft schlafen legten und Gott unsere Seele von uns nehme? Wie würde unser Los stehen? Es hat in meiner Wirtschaft eine solche Veränderung gegeben, dass es, wenn man nicht das feste Gottvertrauen hätte, beinahe zum verzagen gewesen wäre. Wenn man aber das Vertrauen auf Gott wirft, so kann man getrost weiterpilgern. Den 16. Dezember 1895 starb unser Vater. Ich hatte ihm die Wirtschaft abgekauft und wohnte 10 Monate mit ihm zusammen und hatte ihm gepflügt; da starb er. Er war noch nicht begraben, so ging es zu einer Dorfältestenwahl. Als ich zur Wahl ging, fielen mir die Worte des Heilandes in den Sinn: „Mein Gott ist es möglich, so wende diesen Kelch von mir“; aber ich dachte auch zugleich, wie der Heiland weiter sagte: „Doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe.“ Hast du mich da ausersehen, so habe ich auch die Hoffnung, dass du mir beistehen wirst und mir tragen helfen. Und ich muss sagen, mit Gottes Beistand, bin ich drei Jahre durchgekommen. Wenn es bisweilen auch schwer war, so hatte man doch immer einen Helfer. Auch jetzt haben wir eine große Veränderung: die beiden ältesten Kinder sind weggezogen, die Frau ist gestorben, das Dorf Amt ist weg, die drei kleinsten Kinder gehen in die Schule, der Sohn ist draußen bei der Arbeit und nur eine Tochter versorgt das Erforderliche und ist drinnen; man geht von einer Stube in die andere und alles ist leer.

Muss mit meinem Schreiben schließen, denn der Bericht wird den Lesern überdrüssig werden, muss aber noch eine kleine Beifügung machen. In der Rundschau NR. 12 schreibt ein Heinrich Wiens an den hiesigen Heinrich Janzen. Kann dem Wiens berichten, dass der H. Janzen mit seiner Frau noch ziemlich gesund ist; sie werden auch immer älter und das schwere Arbeiten wie früher geht auch nicht mehr. Er ist 66 Jahre alt; seine letzte Tochter hat sich im November verheiratet und ist nach Memrik gezogen. Nun müssen sie eine Köchin mieten, was sie in zwanzig Jahren nicht brauchten; sie haben auch noch zwei Söhne zuhause. Ich brachte ihm die Rundschau zum lesen; er freute sich sehr, auch etwas von seiner Schwester zu lesen.

In Nr. 8 August schrieb eine Elisabeth B. Bartsch und nannte mich Freund. Ich Fragte meine Frau, was das für eine Freundin sein könnte und sahen es dann an der Unterschrift. Sollte sie selbst die Rundschau nicht lesen, so bitte ich die nächsten Nachbarn, ihr diesen Bericht zum lesen zu geben; sie ist eine Freundin meiner verstorbenen Frau. Auch die Tante, Witwe Kornelius Klassen, von Nikolaidorf nach Amerika ausgewandert, erwähnte uns früher schon einmal. Will einen kurzen Bericht an sie schicken. Kornelius Klassens, Fürstenwerder, sind ganz alt, fahren bei Winterzeiten abends nirgends hin. Den 10. Mai waren sie noch beide auf unserer silbernen Hochzeit. Ihre ältesten Kinder, Jakob Klassen von hier und Isaak Töwsen, Alexanderwohl, Helena, sind mit ihren Familien am 19. des Monats nach der Krim gezogen. Ihr Sohn, Johann Klassen, wohnt in Fürstenwerder, und Abraham Klassen auf Samara 2000 Werst weit. Das diese zwei Kinder nach der Krim gezogen sind, wird den Eltern viel Kummer machen. Von Gerhard Bärgens hierselbst, kann ich soviel Nachricht bringen, dass sie ich ihrem Alter noch ziemlich gesund sind. Jakob Bärg hat schwer mit der Luft zu kämpfen und das Gehen fällt ihm auch schwer. Ihr ältester Sohn, hat den 3. Dezember unsere Tochter Elisabeth geheiratet. Zwei Tage vor unserer silbernen Hochzeit erhielten wir einen Brief von Gerhard Wall aus Amerika, unerwartete Freude, ein solches Liebeszeichen zu erhalten. Danke vielmal dafür. Wir wollten euch eine Familienphotographie senden, wenn jemand aus eurer Nähe herkäme. Ihr habt uns auch die Adresse nicht geschickt.

Ich will noch ein Paar Verse übersenden, welche meine Frau oft mit den Kindern gesungen hat:
Die Heimat fällt mir immer ein:
Ach, wann erreich ich sie?
Ich möchte so gern im Immel sein
Mit Kindergottes im Verein,
In sel’ger sel’ger Harmonie
Wer überwindet, soll vom Holz genießen,
Das in dem Paradiese Gottes grünt,
Er soll von keinem Tod noch Elend wissen,
Wenn er mir, als dem Herrn des Lebens dient.
Ich will ihn laben mit Himmelsgaben,
Und er soll haben, was ewig tröstet,
Jesu, hilf du mir überwinden!
Ich kämpfe zwar, jedoch mit wenig Macht.
Oft pflegt die Sünde mir den Arm zu binden,
Dass in dem Streite fast mein Herz verschmacht.
Du musst mich leiten, selbst helfen streiten,
Und mich bereiten, wie dir’s gefällt.

Oft sang sie auch dieses:
Nimm, Jesu meine Hände und führe mich
Bis an mein Selig Ende und ewiglich.
Ich kann allein nicht gehen, nicht einen Schritt;
Wo du wirst gehen und stehen, da nimm mich mit.

Von euch werten Freunden, erwarte ich Briefe zu erhalten. Man hört hier oft sagen und liest es auch, dass Geschwister mehrere Jahre brauchen, um einen Brief zu senden. Dass es an Zeit fehlen soll, ist mir ein Rätsel, welches ich nicht lösen kann, denn trotz meines Amtes ist dies der vierte Brief, den ich an die Rundschau schreibe, obzwar der erste nur innerhalb einem Jahr hingekommen ist, ist aber in der russischen Rundschau nicht erschienen; dieser, denke ich, wird auch nicht mehr erscheinen. Im Amte, denke ich, werden eher über als unter 1000 Bogen Schreibpapier verbraucht worden sein und habe alles in russische Sprache geschrieben, wovon ich in der Schule keinen Buchstaben gelernt habe.

Wenn ich im Dezember um 5 Uhr abends das Licht anzünde, so schrieb ich bis 1 Uhr nachts. Von 6 Uhr morgens ging’s wieder ans schreiben bis 9 Uhr. Wenn man 11 Stunden die Feder laufen lässt, so schreibt man eine ziemliche Strecke weg. Dass es irgend jemand an Zeit fehlt, kann ich schwerlich glauben; aber dass es an Liebe fehlt, dass ist mir eher deutlich. Die Liebe ist stark, die würde schon Zeit verschaffen.

Muss mit meinen Schreiben schließen und bitte die lieben Leser, mein unvollkommenes Schreiben in Liebe anzunehmen, denn ich habe in den drei Jahren beinahe das Deutsch schreiben vergessen. Sollte aber jemand etwas Gutes in diesem unvollkommenem Schreiben finden, so rate ich, selbiges abzuschreiben und es täglich zu prüfen, denn mit dem Guten hat man zu arbeiten, das Böse kommt von selbst. Wenn es Gottes Wille ist, so werde ich weiterhin mehr schreiben, aber es wird vielleicht manchem Leser dies schon zu viel sein. Weil ich gerade ein schönes Gedicht vor mir habe, so will ich es als Schluss nehmen:

O, wie fröhlich, o, wie selig werden wir im Himmel sein!
Droben ernten wir unzählig unsere Freudengarben ein
Gehen wir hier hin und weinen, dorten wird die Sonne scheinen,
Wo man nach den Tränen lach
Dort ist Tag und keine Nacht.


Nebst Gruß
Jakob Neumann

Gast Autor

Katharina Kokorski

Kontakt: katja291282@live.de
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